Die Strategielücke

Ein Manko des textilen Mittelstandes.

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Von Jutta Vogel-Schlack

Die textile Welt ist im Umbruch, und es schmerzt. Das ist keine neue Erkenntnis, sondern das, was wir täglich erfahren, lesen und hören. Im Jammern sind wir alle groß, und kollektives Jammern lindert den Schmerz. Wir leiden durch steigenden Wettbewerb, wir beklagen die Überschwemmung des Marktes mit Billigware aus aller Herren Länder, wir weiden uns an der Konsumflaute, wir stöhnen über die zunehmende Vertikalisierung großer Handelshäuser, wir empören uns über Markenpiraterie, unsere Geister scheiden sich an den Outlets, verständnislos stehen wir dem Wegbrechen alter Messegewohnheiten gegenüber, und der Nachwuchs ist auch nicht mehr das, was er einmal war.

Dies sind sicherlich nur einige der aktuellen Probleme, mit denen mittelständische Unternehmen zu kämpfen haben. Häufig wird dabei jedoch eines vergessen: der Griff an die eigene Nase! Sind diese Entwicklungen so plötzlich gekommen? Waren sie nicht vorhersehbar? Hätte man nicht vor langer Zeit bereits mit strategischer Unternehmensplanung dagegen steuern können? Meiner Meinung nach kann diese Frage mit einem eindeutigen "JA" beantwortet werden.

Viele Unternehmer haben sich dem bereits in den achtziger Jahren beginnenden Strukturwandel nicht professionell gestellt. Sie haben versäumt, für ihre Unternehmen klare Strategien zu entwickeln und sich Ziele zu setzen, auf die sie hinarbeiten konnten. Es gibt sicherlich einige Beispiele im In- und Ausland, die sich davon positiv abheben und sehr erfolgreich sind. Eines haben sie alle gemeinsam: klare Ziele, genaue strategische Unternehmensplanung und Marketingsysteme, die die kontinuierliche Umsetzung und Anpassung an marktwirtschaftliche Veränderungen garantieren.

Die aktuelle Konsumflaute birgt nun erneut die Gefahr, dass wiederum die richtigen Schritte nicht konsequent gegangen werden und an den falschen Stellen investiert bzw. gespart wird. Sicherlich sind Investitionen in Maschinen und Datenverarbeitung wichtig und richtig und in Hinblick auf ihren Return On Investment leichter messbar. Sicherlich ist Kostenbewusstsein eine hohe Tugend, die man in guten Zeiten vernachlässigt hat. Jetzt aber ist die Zeit, in Programme, Visionen, Konzepte zu investieren; zu handeln, statt sich zu verhalten.

Viele der ehemaligen Strukturprobleme sind inzwischen gelöst und adäquate Systeme installiert. Wo es hapert, ist das Marktverhalten. Marketing darf sich nicht in Werbung, Verkaufsförderung oder gar Shop-Konzepten erschöpfen. Marketing heißt, das Unternehmen ganzheitlich und vollständig auf die Kunden, ihre Bedürfnisse und ihre Erwartungen auszurichten.

Der sich vollziehende Generationswechsel, mit einem i.d.R. betriebswirtschaftlich ausgebildeten Nachwuchs, ist dringend notwendig. Hier liegt sicherlich auch eine Chance des Mittelstandes: die Paarung der fundierten Praxiserfahrung der älteren Generation mit den modernen Managementtechniken der jungen Generation. Die Symbiose macht's. Gemeinsam können sie die "Strategielücke" schließen.

Der Mittelstand lebte früher auch von seiner Flexibilität, doch was ist davon geblieben? Lange Kollektionsentwicklungszeiten, Probleme bei der Rohwarenbeschaffung im Ausland, zu lange Durchlaufzeiten in den ausländischen Produktionsstätten etc. etc. Die Probleme sind bekannt und alt. Doch wo bleibt der feste Wille, daran etwas zu ändern? Wie kann der Mittelstand zu alter Flexibilität zurückkehren? Gibt es Ansatzpunkte, die Unternehmen aus der Misere zu führen, und welche sind es?

Natürlich gibt es sie, doch sie wollen erarbeitet werden. Und zwar für jedes Unternehmen individuell. Das ist die wichtige und zentrale Aufgabe jeder Unternehmensführung. Sich auf Kernkompetenzen besinnen und daraus eine strategische Unternehmensplanung für die Zukunft entwickeln. Diese darf natürlich nicht als unveränderliches Dogma gesehen werden, sondern es müssen Mechanismen eingebracht werden, die die kontinuierliche Anpassung an aktuelle Marktentwicklungen erlauben, ja garantieren. Auch Joint-Ventures, Kooperationen und strategische Allianzen können dazu beitragen, die mittelständische Flexibilität zurückzugewinnen, die Selbständigkeit zu wahren und Arbeitsplätze zu sichern.

Eines dürfen wir nicht tun: Warten wie das Kaninchen vor der Schlange, bis es gefressen wird.

Nähere Informationen unter: vogelschl@aol.com